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Gedicht

Du bist

Du bist” ist ein Gedicht auf Grundlage von Psalm 63. Es wurde zuerst in der Zeitschrift Klartext veröffentlicht und anschließend in der Gospel Church Köln vertont vorgetragen und performt.

Ich habe Durst; du gibst mir Wasser.

Du bist das Wasser.

Mein Magen knurrt; du kochst ein Festmahl.

Du bist das Festmahl.

Ich bin in Not; du schickst mir Hilfe.

Du bist die Hilfe.

Mein Herz ist schwer; du schenkst mir Freude.

Du bist die Freude.

Sie hassen mich; du schenkst mir Liebe.

Du bist die Liebe.

Sie lügen und betrügen; du gibst mir Halt.

Du bist mein Halt.

Sie wollen meinen Untergang; du gibst mir Schutz.

Du bist mein Schutz.

Ich bin eine Tochter des Königs,

und du bist der König der Könige!

Deine Macht und Herrlichkeit werde ich preisen,

ein Leben lang.

Mich ganz nah an dich halten,

ein Leben lang.

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Drabble

Das Vorstellungsgespräch – ein Drabble

Ein Drabble
Foto by Fabio Santaniello Bruun

Ein Drabble ist eine Kurzgeschichte, die aus exakt 100 Wörtern bestehen muss. Die Überschrift wird dabei nicht mitgezählt.

„Sein Anzug muss wohl einiges gekostet haben!“, denkt Claire, als George sie mit einem festen Händedruck begrüßt. Sie weiß nicht, wie das hier ausgehen wird, will es aber unbedingt durchziehen. „Haben Sie gut hierher gefunden?“, fragt Georg Claire freundlich und fordert sie mit einer Handgeste zum Hinsetzen auf. „Nein, ich musste lange suchen!“, antwortet sie ihm in scharfem Ton. Georg zieht seine Augenbrauen hoch. Noch bevor er etwas sagen kann, spricht Claire weiter: „Genauer gesagt: ganze dreiundzwanzig Jahre! So lange habe ich gebraucht, um hierher zu finden. Um Sie zu finden! Oder sollte ich meinem Vater nicht lieber gleich duzen?“

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Body image

Würdest du damit klarkommen?

Würdest du damit klarkommen?

Du hast große Träume. Und du lebst dafür, diese zu erreichen. Dein ganzer Fokus liegt auf ihnen, alles andere stellst du hintan. Mit deiner ganzen Kraft gehst du deinem Ziel entgegen – Tag für Tag. Du läufst, kriechst, schlenderst, kletterst oder schwimmst darauf zu. Denn: Manchmal geht es schnell, dann wieder langsamer vorwärts. Das weißt du und kannst es zu deinem Vorteil nutzen. Schließlich ist jeder Fortschritt ein Fortschritt, nicht wahr? 

Es kommt jedoch auch vor, dass du Schritte rückwärts machst. Dann heißt es, sich sortieren, aufraffen und wieder volle Kraft voraus! Aufgeben kommt jedenfalls nicht infrage. Aufgeben ist etwas für Verlierer und du bist schließlich kein Verlierer.

Doch was passiert, wenn du dein Bestes gibst und am Ende trotzdem scheiterst, wenn sich der erhoffte Erfolg nicht einstellt? Wenn dein Bestes einfach nicht gut genug ist? 

Würdest du damit klarkommen?

Und dann gibt es das andere Extrem: Du erreichst alle deine Lebensträume und Ziele. Nicht nur die Zwischenziele, sondern die wirklich ganz großen. Du bist euphorisch, glücklich, stolz. Man gratuliert und applaudiert dir. Doch mit dem Erfolg und dem Applaus kommen auch der Neid und die Missgunst anderer. Die Anzahl deiner falschen Freunde steigt. Du kannst nicht mehr richtig unterscheiden, wer wirklich hinter dir steht und wer nur einen Teil vom Kuchen abhaben möchte. 

Nach einer Weile merkst du auch: Deine wahr gewordenen Träume machen dich nur für eine Zeit lang glücklich. Denn was soll jetzt bitte schön noch kommen? Wofür lohnt es sich noch, morgens aufzustehen und den ganzen Tag lang hart zu arbeiten? Entweder verfällst du der Antriebslosigkeit oder du willst immer höher hinaus. Weil du immer noch kein Verlierer sein willst, entscheidest du dich höchstwahrscheinlich für Option 2. Und tatsächlich: Auch deine neu gesetzten Ziele erreichst du. 

Und lass uns mal weiterspinnen: Stell dir vor, du bist sogar so gut in dem, was du tust, dass es weltweit niemanden gibt, der dich schlagen kann. Du bist die einfach mal absolute Nummer 1 auf deinem Gebiet! Doch wie lange wird das so bleiben? Deine Konkurrenz schläft nicht und ist dir schon dicht auf den Fersen. Wie wird es für dich sein, wenn du nur noch die Nummer 2 bist und später vielleicht sogar ganz in Vergessenheit gerätst? 

Würdest du auch damit klarkommen?

Was bringen dir also alle deine Ziele und Träume? Was lehren dich deine Erfolge und Misserfolge? Und was bleibt von ihnen übrig, wenn du nicht mehr da bist?

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Ich schließe meine Augen

Ich schließe meine Augen. Dann öffne ich sie wieder und schaue auf ein leeres Textdokument auf meinem Bildschirm. Dieses wird sich gleich nach und nach mit Buchstaben, Worten und Sätzen füllen. Inbegriffen werden Satzzeichen, Leerzeichen und Sonderzeichen sein. Das, was aufs Blatt kommt, wird zu einem Teil von dem bestimmt, was ich vorher alles erlebt und erfahren habe. Von meinen Grundüberzeugungen, Abneigungen und Launen. Und natürlich von den Umständen, unter denen ich schreibe. 

Ich schließe meine Augen.

Fehler, die mir im Dokument auffallen, kann ich einfach löschen, sodass es dann am Ende so ist, als ob es sie niemals gegeben hätte. Doch halt: Für die eigenen Fehler ist man oft blind. Ansonsten würde man sie wohl nicht machen. Man weiß es eben nicht besser. Oder schlimmer: Man möchte es einfach nicht besser wissen und schlägt nicht im Duden nach, wie etwas geschrieben wird. Andere Fehler sind Flüchtigkeitsfehler. Und diese übersieht man eben häufig auch. Deswegen nutze ich ein automatisches Rechtschreibprogramm, welches mich auf mögliche Fehler hinweist. Doch mit der Leistung dieses Programms bin ich oft unzufrieden. Deshalb habe ich mir extra ein kostenpflichtiges Rechtschreibprogramm besorgt. 

Es gibt jedoch auch Fehler, die selbst dieses Programm nicht erkennt. Fehler im Ausdruck, der Grammatik und in der Rechtschreibung. Und manchmal schlägt mir mein kostenpflichtiges Rechtschreibprogramm absolut sinnfreie Änderungen vor.

Weil sowohl ich als auch das Rechtschreibprogramm an manchen Stellen versagen, lasse ich besonders die wichtigen Texte vor der Veröffentlichung von professionellen Lektoren korrigieren. Das ist meistens nicht ganz günstig und auch für mich mit Arbeit und manchmal auch mit viel Demut verbunden. Denn wer möchte schon auf seine Fehler hingewiesen werden – besonders auf die peinlichen? Aber meine Lektoren machen das ganz behutsam. Doch eins steht fest: Auch sie können sich in ihrer Beurteilung irren. Das beruhigt und beunruhigt mich zugleich.

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Ich schließe meine Augen. Dann öffne ich sie wieder und schaue auf einen neuen Tag, der vor mir liegt. Dieser Tag wird gefüllt werden durch Sekunden, Minuten und schließlich Stunden. Inbegriffen ist das Gute, das Schlechte und alles, was dazwischenliegt. Das, was während des Tages alles passiert, wird zu einem Teil von dem bestimmt, was ich am Tag zuvor alles erlebt und erfahren habe. Von meinen Grundüberzeugungen, Abneigungen und Launen. Und natürlich von den aktuellen Tagesumständen.

Fehler, die ich im Laufe des Tages mache, kann ich am Ende des Tages nicht einfach wieder löschen und so tun, als wären sie niemals passiert. Doch halt: Für die eigenen Fehler ist man sowieso oft blind. Ansonsten würde man sie wohl in vielen Fällen erst gar nicht machen. Man weiß es eben nicht besser. Oder: Man möchte es eben nicht besser wissen und sucht nicht nach gutem Rat. Andere Fehler passieren im Stress. Auch diese Fehler fallen einem häufig selbst gar nicht auf. Deswegen weisen mich manche Menschen ungefragt auf sie hin. Doch mit ihrer Kritik und ihren Ratschlägen bin ich oft unzufrieden. Deshalb frage ich bewusst Menschen nach Rat, denen ich ein besseres Urteilsvermögen zutraue.

Ich mache jedoch auch Fehler, die selbst meine Ratgeber nicht als solche einschätzen. Fehler in meinem Umgang mit anderen, mir selbst oder mit Gott. Und manchmal schlagen mir diese Menschen sogar absolut sinnfreie Dinge vor.

Weil sowohl ich als auch andere Menschen an manchen Stellen versagen, lasse ich mich besonders bei den wichtigen Angelegenheiten von Gott korrigieren. Das ist meistens nicht ganz bequem, auch für mich mit Arbeit verbunden und manchmal auch mit Demut. Denn wer möchte schon auf seine Fehler hingewiesen werden – besonders auf die peinlichen? Aber Gott macht das ganz behutsam. Und eins steht fest: Er irrt sich niemals in seiner Beurteilung. Das beunruhigt und beruhigt mich zugleich.

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Theaterstück

Opas Schreibmaschinen

Ein Minidrama

Personen

Leonie, Schwester von Sandra, beste Freundin von Mira

Sandra, Schwester von Leonie

Mira, beste Freundin von Leonie

Zwei Zimmer zweier junger Frauen

Szene 1: Der erste Brief – Opas Schreibmaschinen

Beteiligte: Leonie, Mira

Requisiten: Tisch, Stuhl, Schreibmaschinenkoffer mit Schreibmaschine 1 darin, Handtasche für Mira, Granatapfel, unbeschriebene Blätter für Schreibmaschine, beschrifteter Briefumschlag, Mülleimer, Schokoriegel

Location Bühne 1: vom Zuschauerraum aus gesehen hinten, Tisch 45° nach links gedreht auf MM, Stuhl steht dahinter auf HL, unbeschriebene Blätter auf dem Tisch links, Schokoriegel auf dem Tisch rechts, Mülleimer unter dem Tisch, Briefumschlag liegt links oben auf dem Tisch

(Leonie kommt aus dem LOFF mit dem Schreibmaschinenkoffer, stellt den Koffer ab, macht den Koffer auf, holt die Maschine aus dem Koffer, schiebt den Koffer von sich weg, steckt Papier in die Schreibmaschine, nimmt den Schokoriegel, beißt ordentlich und genüsslich rein, kaut und setzt sich währenddessen auf den Stuhl, tippt in die Schreibmaschine.) 

Text vom Band aus dem OFF (mit Leonies Stimme). Liebe Sandra … 

LEONIE (hört mit dem Tippen auf, atmet einmal tief ein – und aus, nachdenklich). Na ja, ob ich dich wirklich so lieb finde …? (Jetzt ein wenig energischer.) Ob überhaupt irgendjemand jeden, den er mit „Liebe“ oder „Lieber“ anschreibt, auch wirklich lieb findet – das bezweifle ich doch irgendwie … (Tippt wieder.) 

Text vom Band aus dem OFF (mit Leonies Stimme). Da ich immer noch von Vater ein absolutes Computer- und Handyverbot habe und du meine Handschrift kaum lesen kannst, habe ich Opas alte Schreibmaschine ausgepackt, um dir diesen Brief zu schreiben. (Hört auf zu tippen.) 

LEONIE (ernst). Okay, genug Smalltalk. (Tippt.)

Text vom Band aus dem OFF (mit Leonies Stimme). In zwei Wochen ist ja schon Mamas dritter Todestag. Vergiss das bitte nicht. Vater könnte dir das nämlich sonst sehr übel nehmen. (Hört auf zu tippen.) 

LEONIE (bedeutungsschwer). Okay, das wäre wohl geschafft. (Atmet tief durch, spricht ins Ausatmen.) Nun zum eigentlichen Anliegen. (Rafft sich wieder auf, tippt.) 

Text vom Band aus dem OFF (mit Leonies Stimme). Sandra, ich möchte, dass du weißt, dass ich in letzter Zeit sehr viel nachgedacht habe: über dich und mich, über deinen Kuss mit Tim. Darüber, wie sehr ihr mir damit wehgetan habt, mich hintergangen habt. 

(Leonie hört auf zu tippen, lehnt sich zurück und legt den Kopf kurz in den Nacken, seufzt, setzt sich wieder normal hin, tippt.) 

Text vom Band aus dem OFF (mit Leonies Stimme). Und ich möchte dir sagen, dass ich zu dem Entschluss gekommen bin, (kurze Pause, Leonie hört auf zu tippen, atmet tief ein und aus, tippt weiter) dir zu vergeben. Ich vergebe dir von ganzem Herzen. Auch wenn meine Gefühle mich immer noch zerreißen, bist und bleibst du meine Schwester und ich liebe dich. Sandra, ich vergebe dir, dass du meinen Verlobten geküsst hast. (Leonie hört auf zu tippen, überlegt kurz, tippt weiter.) Eigentlich bin ich dir sogar dankbar dafür, denn der Kuss hat mich vor einer unglücklichen Ehe bewahrt. Also lass uns endlich das Kriegsbeil begraben und komm uns zu Mamas Todestag endlich besuchen. Vater wird sich freuen und ich möchte keinen Keil mehr zwischen ihn und dich treiben. In Liebe, deine Leonie. PS: Es tut mir wirklich leid, dass ich

(Es klopft.)

LEONIE (erschreckt sich, isst hektisch den Riegel zu Ende und wirft das Papier in den Mülleimer). Herein!

MIRA (betritt das Zimmer aus dem LOFF, bleibt auf MR stehen, hält hinter dem Rücken einen Granatapfel in der rechten Hand, über der rechten Schulter eine Handtasche). Hey Leonie, ich bin was früher da.

LEONIE (überrascht). Hi Mira, wie bist du denn hereingekommen?

MIRA. Dein Vater hat mich hereingelassen. Zwar etwas widerwillig, aber na ja, das ist ja zweitrangig. Wir standen praktisch gleichzeitig vor eurer Tür. Hier, ich habe dir was mitgebracht. (Reicht Leonie einen Granatapfel in die Hand.)

LEONIE. Äh, danke! (Steht auf, nimmt den Granatapfel an, lächelt unsicher.) 

MIRA (erklärend). Als Unterstützung für deine Essensumstellung. Ich finde es super, dass du dich jetzt gesünder ernähren möchtest.

LEONIE. Äh, ja … (Legt den Granatapfel auf den Tisch, sammelt sich etwas.) Läuft auch echt gut, muss ich sagen.

MIRA. Freut mich! (Entdeckt die Schreibmaschine, neugierig.) Ist das etwa die alte Schreibmaschine deines Opas? Cool! Was schreibst du denn damit?

LEONIE (ablenkend). Ach, äh … Was für mein Tagebuch. Ist nicht so wichtig. 

MIRA. Ach komm, zeig doch mal. Ich bin doch deine beste Freundin! (Geht auf MM.)

LEONIE (stellt gleichzeitig hastig die Schreibmaschine in den Schreibmaschinenkoffer, klappt den Koffer zu). Nee, ähm … Lass das bitte. Das ist privat. Wie gesagt, für mein Tagebuch. (Ablenkend.) Wie geht es deinem neuen Freund?

MIRA. Themenwechsel, interessant. (Kurze Pause.) Ich glaube, ganz gut. 

LEONIE. Du glaubst?!

MIRA. Ach, mich interessieren halt im Moment andere Dinge mehr als sein Wohlbefinden.

LEONIE. Ist irgendwas passiert?

MIRA. Nein, wieso?

LEONIE. Ja, aber dann … (Ernst.) Mira, liebst du ihn denn überhaupt?

MIRA. Lieben? Was heißt denn schon lieben? Sein Vater führt ein erfolgreiches Unternehmen. Und Dennis wird es einmal erben. Das ist doch mal ein überzeugender Grund für eine Beziehung! (Kurze Pause.) Außerdem wollen Frauen doch Liebe. Männer sehnen sich sowieso eher nach Respekt. Und den Respekt gebe ich ihm. Zumindest, wenn ich gerade bei ihm bin.

LEONIE. Ja, aber Männer wollen doch auch geliebt werden. 

MIRA. Du hast Tim auch geliebt, nicht wahr? (Leonie schaut traurig zu Boden.) Und, was hat es dir gebracht? (Kurze Pause.) Und jetzt lass mich mal lesen, was du da geschrieben hast auf deiner …

LEONIE (unterbricht). Und was sagst du Dennis, wenn er dich fragt, ob du ihn liebst?

MIRA (geht im Uhrzeigersinn um Leonie und den Tisch herum, spricht dabei theatralisch). Dann sage ich ihm natürlich, dass ich ihn über alles liebe. Dass er das Beste und Wichtigste in meinem Leben ist!

LEONIE (ernst). Aber das ist doch gelogen, Mira.

MIRA. Gelogen, hm? (Spöttisch.) Bist wohl der Überzeugung, dass Ehrlichkeit am längsten währt, nicht wahr?

LEONIE. Ja, definitiv. 

MIRA. Deine Ehrlichkeit hat dir bei deinem Tim auch nicht viel gebracht. 

LEONIE (verletzt). Mira, du bist meine beste Freundin. Aber manchmal, da sagst du echt gemeine Dinge … 

MIRA (uneinsichtig, anklagend). Ach, auf einmal ist dir die Wahrheit doch nicht mehr so recht, hm?! 

LEONIE (ernst). Und manchmal, da machst du mir sogar ein wenig Angst.

MIRA (anklagend). Ich mache dir Angst?!

LEONIE. Ja, manchmal bin ich mir nicht sicher, ob du mir gegenüber ehrlich bist. Zu vielen bist du es ja eben nicht … (Blick geht betrübt zu Boden.)

MIRA (versöhnlich). Bei dir ist es was anderes. Du bist mir wirklich wichtig. Du bist für mich wie … eine Schwester. 

LEONIE. Ja, du doch auch für mich, aber …

MIRA (unterbricht). Was, aber?! Ich bin ja wohl viel eher eine Schwester für dich als Sandra. Nicht immer ist Blut dicker als Wasser! (Kurze Pause, süffisant.) Ich feiere es immer noch, wie wir sie in den sozialen Medien fertiggemacht haben, diese hinterhältige Schlange! (Schadenfroh, fast fröhlich.) Okay, du hast jetzt zwar seit zwei Wochen Computer- und Smartphoneverbot von deinem Vater dafür auferlegt bekommen, aber komm schon: Das hat sich total gelohnt! Jetzt wissen alle, dass sie eine miese kleine Schla …

LEONIE (unterbricht). Mira, das ist sie nicht!

MIRA (verdattert). Was?! Wie meinst du das? Was ist passiert, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben? Gibt es da etwas, wovon ich nichts weiß?

LEONIE. Mira, schau … (Etwas beschämt.) Es tut mir leid, ich habe dir eben nicht ganz die Wahrheit gesagt. Ich schreibe … ja, ich habe eben nicht an meinem Tagebuch geschrieben, sondern einen Brief an Sandra, einen Versöhnungsbrief …

MIRA (völlig außer sich). Einen was?! Und ausgerechnet du wirfst mir Unehrlichkeit vor?! Dass ich nicht lache! 

LEONIE. Das ist doch was anderes!

MIRA. Nein, ist es nicht!

LEONIE. Aber sie ist doch meine Schwester! Ich kann ihr doch nicht ewig böse sein.

MIRA. Doch, das kannst du!!! (Pause.) Was steht denn so in deinem Briefchen?! (Will über MH um den Tisch herumgehen.)

LEONIE („stoppt“ Mira mit ihrem ausgestrecktem Arm auf HM, Leonie denkt kurz nach, atmet einmal ein und aus). Okay … (Klappt den Koffer auf, holt die Schreibmaschine heraus, stellt den Koffer unter den Tisch.) Lass mich kurz nur noch den Satz zu Ende schreiben. (Tippt 4 Sekunden, nimmt das Blatt aus der Schreibmaschine und gibt es Mira.)

(Mira geht mit dem Brief nach VR, steht mit dem Rücken zu Leonie und „liest“ den Brief leise, wütender Blick.)

LEONIE (vorsichtig). Und … was sagst du?

MIRA (setzt schlagartig ein falsches Lächeln auf). Das hast du gut geschrieben. (Pause.) Und du hast ja auch recht. Ich möchte dich bei deinem Vorhaben so gut ich nur kann unterstützen. (Fieser Blick in Richtung Publikum.)

LEONIE (verwundert). Woher der Sinneswandel?

MIRA. Ach, ähm … (geht auf MR) dein Brief hat mich überzeugt!

LEONIE (misstrauisch). Mira, ich weiß gerade nicht, ob ich dir wirklich glauben kann.

MIRA (versöhnlich). Doch, natürlich kannst du das! Und ich werde es dir beweisen!

LEONIE. Und wie willst du es mir beweisen? 

MIRA. Indem ich dich unterstütze. Ich werde den Brief sogar für dich wegschicken.

LEONIE. Das würdest du für mich tun?!

MIRA. Ja, klar. Du bist doch meine beste Freundin! Ich würde alles für dich tun!

LEONIE. Danke! (Erschreckt sich.) Huch! Ich hatte ganz vergessen: Ich sollte doch meinem Vater gleich beim Kartoffelschälen helfen. Eigentlich hättest du ja auch erst nach dem Essen kommen sollen. Ist es okay für dich, hier auf mich zu warten? Bin in ein paar Minuten wieder da. 

MIRA. Ja, klar. Kein Problem. Ich freue mich schon aufs Essen. Vielleicht empfindet dein Vater es diesmal als okay, wenn ich mitesse. Ich bereite deinen Brief so lange schon mal vor.

LEONIE. Danke, Briefumschlag liegt auf dem Tisch. Bis gleich. (Geht ins LOFF.)

MIRA (freundlich). Ja, bis gleich. (Schaut Leonie hinterher, bis sie weg ist, dann in fiesem Ton.) Mal sehen, was sich machen lässt. (Nimmt den Brief, schüttelt angeekelt den Kopf, zerknüllt den Brief und steckt ihn sich in die Handtasche, setzt sich an die Schreibmaschine.) Gut, dass ich mal einen Schreibmaschinenkurs besucht habe. (Grinst zwielichtig, tippt los.)

Text vom Band aus dem OFF (abfällig, spöttisch, mit Miras Stimme). Sandra, Schwesterherz. Ich schreibe dir diesen Brief auf der Schreibmaschine, weil ich deinetwegen, meine Liebe, immer noch Internetverbot habe und du zu blöd dafür bist, meine Handschrift zu lesen. Dieser Brief ist alles andere als ein Versöhnungsbrief. Denn, machen wir uns nichts vor, du bist und bleibst ein Miststück! Aber eigentlich mag ich dich noch ganz gerne. Aber eher weniger als meine Schwester, sondern eher mehr als eine Fremde in der Ferne, eine böse Erinnerung aus der Vergangenheit

(Weiter Tippgeräusche vom Band für ca. 6 Sekunden, Mira tippt so lange noch. Dann nimmt sie den Brief vorsichtig aus der Schreibmaschine und steckt ihn in den Briefumschlag.)

LEONIE (kommt rein, als Mira gerade den Brief zumacht). Mira, komm, die Kartoffeln sind im Topf. Wir können schon mal hinuntergehen …

MIRA (hastig). Äh, hör mal Leonie. Meine Oma hat eben angerufen. Der gehts wieder nicht so gut. Ich muss schnell zu ihr. Aber auf dem Weg dorthin ist bestimmt ein Briefkasten. Da kann ich den Brief ja reinwerfen. (Geht los Richtung LOFF, will an Leonie vorbei.)

LEONIE (hält sie auf, steht Mira jetzt gegenüber, verwundert). Okay, … Äh, Mira, warte doch mal. Ist es ernst mit deiner Oma?

MIRA. Was? Ach so, nein, nein. Ich muss nur ein Medikament für sie besorgen, bevor die Apotheke zumacht.

LEONIE. Ah, okay. Und … hast du denn überhaupt eine Briefmarke?

MIRA. Ja, ja. In meiner Handtasche. (Geht etwas unsicher links an Leonie vorbei.)

LEONIE. Okay, vielen Dank dir! Und eine gute Besserung!

MIRA (schaut verwirrt zurück). Was meinst du?

LEONIE (betont). Deiner Oma, Mira. lch wünsche ihr eine gute Besserung.

MIRA. Ach so, ja. Danke. (Will sichtbar weg.)

LEONIE. Aber warte doch noch kurz im Flur auf mich. Ich brauche nur noch einen kurzen Moment hier.

MIRA (etwas verwirrt und nervös). Äh, wieso? Wieso soll ich auf dich warten? Willst du etwa doch mitkommen …?

LEONIE. Nein, ich will nicht mitkommen. Das Essen kocht doch. Schon vergessen? Ich will dir unten noch was geben und dich knuddeln.

MIRA (sichtlich erleichtert, versucht zu lachen). Ach so. Ja, klar! Bis gleich im Flur. (Geht ins LOFF.)

(Leonie stellt sicher, dass Mira weg ist, nimmt den Granatapfel in die Hand, hält ihn hoch, schüttelt den Kopf, wirft den Granatapfel keck in den Mülleimer und geht ins LOFF ab.)

Opas Schreibmaschinen

Szene 2: Sandra – Opas Schreibmaschinen

Beteiligte: Sandra

Requisiten: Tisch, Stuhl, Schreibmaschinenkoffer mit Schreibmaschine 2 und unbeschriebenen Blättern drin, Brief im beschrifteten Briefumschlag

Location Bühne 2: vom Zuschauerraum aus gesehen vorn, auf Zuschauerebene, Tisch steht auf MM, Stuhl dahinter Richtung HM, ungeöffneter Briefumschlag liegt in der Mitte des Tisches

SANDRA (geht nervös im Raum hin und her, schaut immer wieder zu dem ungeöffneten Briefumschlag, atmet tief ein). Na gut. (Geht zum Tisch, nimmt den Briefumschlag, stellt sich nervös auf HM, öffnet den Briefumschlag nervös, „liest“ leise den Brief, der sich darin befindet.) 

Text vom Band aus dem OFF (mit Sandras Stimme). Sandra, Schwesterherz. Ich schreibe dir diesen Brief auf der Schreibmaschine …

Text vom Band aus dem OFF (spöttisch, scharf, abfällig, mit Leonies Stimme).weil ich deinetwegen, meine Liebe, immer noch Internetverbot habe und du zu blöd dafür bist, meine Handschrift zu lesen. Es ist alles andere als ein Versöhnungsbrief. Denn, machen wir uns nichts vor, du bist und bleibst ein Miststück! (Sandra wendet sich kurz, aber sichtlich verletzt vom Brief weg, liest dann weiter.) Aber eigentlich mag ich dich noch ganz gerne. Aber eher weniger als meine Schwester, sondern eher mehr als eine Fremde in der Ferne, eine böse Erinnerung aus der Vergangenheit. Ich bin froh und glücklich, dass dich Vater ins Internat gesteckt hat. Das hast du echt verdient. (Sandras Augen beginnen zu tränen, sie muss schluchzen, reagiert während des Weiterlesens immer emotionaler und wütender und es kommen immer mehr Tränen.) Ich hoffe, dir gehts echt mies und du kommst da nie wieder raus! Und wage es ja nicht, am Todestag unserer Mutter hier aufzutauchen! Du bist eine Schande für die ganze Familie und ich werde dir niemals vergeben! PS: Ich habe keine Schwester mehr!

(Sandra bricht zusammen, weint, schluchzt verzweifelt, beruhigt sich nach einer Weile ein wenig, geht ins LOFF, kommt aus dem LOFF mit einem Koffer wieder. Stellt den Koffer auf den Tisch, öffnet den Koffer, holt eine Schreibmaschine aus dem Koffer und stellt diese auf den Tisch, holt ein Blatt aus dem Koffer hervor und legt es auf den Tisch, stellt den Koffer unter den Tisch, setzt sich auf den Stuhl, steckt das Blatt in die Schreibmaschine und tippt los.) 

Text vom Band aus dem OFF (mit Sandras Stimme). Liebe Leonie, ich schreib dir ebenfalls auf einer von Opas Schreibmaschinen, denn ich weiß, dass meine Handschrift, genauso wie deine, vollkommen unleserlich ist. Leonie, ich weiß, dass furchtbare Dinge zwischen uns vorgefallen sind. Ich habe dich verletzt und du hast mich verletzt. Aber wir sind doch trotzdem noch Schwestern. Das mit Tim tut mir wirklich so schrecklich leid! Bitte glaub mir doch endlich, dass nicht ich ihn, sondern er mich geküsst hat. Ja, ich habe den Kuss zugelassen, habe ihn nicht von mir gestoßen. Das hätte ich sicherlich tun sollen. Bitte vergib mir dafür. Auch ich möchte dir vergeben, für dein Mobbing in den sozialen Medien und auch für den … (Kurze Pause.) 

SANDRA (schreit). NEIN, FÜR DIESEN BRIEF WERDE ICH DIR NIEMALS VERGEBEN! (Reißt wütend das Blatt aus der Schreibmaschine raus, nimmt sich ein neues Blatt aus dem Koffer, steckt es in die Schreibmaschine und tippt wütend drauflos.)

Text vom Band aus dem OFF (mit Sandras Stimme). Hey, Schwesterherz, vielen Dank für deinen Brief! Wirklich, ich danke dir von Herzen. Denn er hat mir wieder einmal neu deine Dummheit offenbart. Du bist ein furchtbarer Mensch und ich sitze deinetwegen in diesem Internat fest! Das werde ich dir niemals verzeihen. Genauso wenig wie deine Mobbingaktion in den sozialen Medien. Und ganz sicherlich auch nicht deinen letzten Brief! Übrigens: Tim und ich haben den Kuss richtig genossen und ich bin froh, dass es dazu kam. Ich hasse dich! Deine Ex-Schwester Sandra. PS: Tim hat mir nach unserem leidenschaftlichen Kuss ins Ohr geflüstert, dass ich schon immer diejenige war, die er haben wollte. Du bist immer nur sein Notnagel gewesen. 

(Sandra nimmt das Blatt aus der Schreibmaschine raus, geht auf VR „überfliegt“ ihn traurig, fängt an zu weinen und läuft mit dem Blatt in der Hand ins LOFF.)

Opas Schreibmaschinen

Szene 3: Das Ende – Opas Schreibmaschinen

Beteiligte: Leonie, Mira, Sandra

Requisiten: 2 Tische, 2 Stühle, Schreibmaschine 1+2 auf den jeweiligen Tischen, unbeschriebene Blätter, 1 beschriebenes Blatt, 2 beschriebene Blätter in beschrifteten Briefumschlägen, 1 beschrifteter Briefumschlag, 2 Mülleimer

Location Bühne 1: Tisch auf MM, Stuhl steht etwas links zum Tisch in Richtung Publikum gedreht, Schreibmaschine im Koffer auf dem Tisch, Mülleimer unter dem Tisch, unbeschriebene Blätter auf Tisch links oben

Location Bühne 2: Tisch auf MM, Stuhl dahinter Richtung HM, Schreibmaschinenkoffer mit unbeschriebenen Blättern unter dem Tisch, Schreibmaschine auf dem Tisch, Mülleimer unter dem Tisch

! Bühne 1:

(Leonie und Mira kommen aus dem LOFF. Leonie zuerst, sie hat ein beschriebenes Blatt in ihrer Hand und schaut traurig. Mira dagegen hat ein schadenfrohes Grinsen auf den Lippen, das sie versucht zu verstecken. Leonie setzt sich mit apathischem Blick auf den Stuhl, mit Blick zum Publikum, und hält das Blatt im Schoß. Mira stellt sich rechts neben sie und legt ihre linke Hand auf Leonies rechte Schulter, beide schweigen einige Sekunden.)

LEONIE (unsicher). Mira?

MIRA (scheinheilig behutsam). Ja, Leonie?

LEONIE (schaut die ganze Zeit ins Publikum, spricht leise). Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll … Ich weiß auch nicht, was ich jetzt machen soll. Ich weiß es einfach nicht.

MIRA. Das verstehe ich. Das ist natürlich jetzt ein Schock für dich. Ich wüsste an deiner Stelle auch nicht, was zu tun ist.

LEONIE (dreht ihren Kopf zu Mira). Und wenn du nicht an meiner Stelle wärst?

MIRA (leicht verunsichert). Was meinst du?

LEONIE (dreht den Kopf wieder in Richtung des Publikums). Du sagst, wenn du an meiner Stelle wärst. Du bist aber nicht an meiner Stelle. Was würdest du denn machen, wenn du nicht an meiner Stelle wärst – was du ja nicht bist? Was würdest du machen, wenn du deiner Schwester einen Versöhnungsbrief schreibst und sie dir so darauf antwortet?

MIRA (nimmt den Arm von Leonies Schulter weg). Ich würde es der blöden Kuh so richtig zeigen!

LEONIE (leicht apathisch). Und wie?

MIRA (in fiesem Ton). Mit einem „netten“ Brief! Einem Brief voller Anklagen und Lügen! Über sie und darüber, was andere Menschen über sie so sagen. Fiese Dinge eben …

LEONIE (gleichgültig). Okay … (Legt den Brief auf den Tisch, dreht den Stuhl zum Tisch, nimmt ein unbeschriebenes Blatt vom Tisch und steckt es in die Schreibmaschine, tippt.)

(Tippgeräusche vom Band aus dem OFF. Mira steht mit verschränkten Armen links von Leonie und schaut mit einem fiesen, selbstzufriedenen Blick auf die Schreibmaschine. Leonie hört mit dem Tippen auf, nimmt das Blatt aus der Schreibmaschine und gibt es Mira. Mira geht damit ins LOFF, Leonie erstarrt. Ab hier wird es surreal!)

! Bühne 2:

(Sandra kommt aus dem LOFF mit einem Briefumschlag in der Hand, stellt sich auf HL, öffnet ihn und liest den Brief, der sich darin befindet, leise, zerknüllt den Brief wütend und wirft ihn in den Mülleimer, holt ein unbeschriebenes Blatt aus dem Koffer, setzt sich an die Schreibmaschine, tippt, ab hier Tippgeräusche vom Band aus dem OFF bis zum Ende des Stückes als „Hintergrundmusik“!)

! Bühne 1:

(Mira kommt mit einem neuen verschlossenen Briefumschlag wieder aus dem LOFF, Mira öffnet den Briefumschlag und gibt den Brief, der sich darin befindet, an Leonie. Leonie „liest“ ihn, ärgert sich, zerknüllt den Brief, wirft ihn auf den Boden, nimmt ein neues unbeschriebenes Blatt vom Tisch, steckt das Blatt in die Schreibmaschine, fängt wieder an zu tippen.)

! Bühne 2: 

(Sandra nimmt den Brief aus der Schreibmaschine, geht damit ins LOFF, kommt mit einem beschrifteten Briefumschlag wieder, stellt sich auf VM, schaut den Umschlag nachdenklich an, zerreißt ihn und wirft die Stücke in den Mülleimer, packt die Schreibmaschine in den Koffer, geht traurig mit dem Koffer ins LOFF.)

! Bühne 1: 

(Leonie hört mit dem Tippen auf, nimmt das Blatt aus der Schreibmaschine und gibt es Mira, Mira geht mit dem Blatt ins LOFF, Leonie packt die Schreibmaschine in den Koffer und geht damit enttäuscht ins LOFF.)

Ende

“Opas Schreibmaschinen” ist inspiriert durch Sprüche 6,16-19. Die Uraufführung fand am 13.02.2022 in der “Gospel Church Köln” statt. Die Rechte für eine Aufführung durch Dritte und das Technikskript können bei mir für einen symbolischen Betrag erworben werben.

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Biografie

Der Spaziergang: Und es geht (k)einen Schritt weiter

Photo by Amirhosain Gazor on Unsplash.

Es folgt eine Textprobe aus einer Biografie eines Privatkunden. Alle Namen wurden geändert.

Winter 1972: Wolfgang und Elisabeth sitzen in einem kleinen, hübschen Café in Hückeswagen. Sie waren 1972 hier in die Nähe von Elisabeths Eltern gezogen. Beide sind angespannt. Der Grund für ihre Aufregung sind die Gäste, auf die sie gerade warten: Vera und ihr Ehemann, der ebenfalls Wolfgang heißt. Wolfgang Meyer hatte die beiden eingeladen. Wobei die Idee, sie einzuladen, von Elisabeth kam. Sie wollte „diese Vera“ einfach mal besser kennenlernen – so zumindest Elisabeths Aussage. Die Frau, von der sie wusste, dass Wolfgang sie bald für sie verlassen wird, obwohl sie ein schwerbehindertes Kind zusammen haben.

Markus hatte bei seiner Geburt die Nabelschnur um den Hals und ist wegen des Sauerstoffmangels nun mehrfachbehindert. Von einer dauerhaften Behinderung war kurz nach der Geburt jedoch noch nicht die Rede. Es hatte sich nach und nach langsam herausgestellt, dass Markus in seiner Entwicklung stark verzögert ist. Die Ärzte betonten aber, dass man durch moderne physiologische Methoden noch alles erreichen könne. Es ist wohl eine grundsätzliche Einstellung von Ärzten, dass sich alles noch verbessern lässt. Das Gegenteil wird von ihnen so lange beiseite geschoben, bis es nicht mehr geleugnet werden kann – davon ist Wolfgang überzeugt …

Wie stark Markus gesundheitliche Einschränkungen sind, das hatte sich in den letzten Monaten deutlich gezeigt: Der Junge hatte einfach nichts dazugelernt. Keine Bewegungen, gar nichts. Auch jetzt noch kann er weder sitzen noch krabbeln, muss deshalb ständig getragen werden. Elisabeth und Wolfgang hatten alles in ihrer Macht Stehende versucht, um Markus eine koordinative Entwicklung zu ermöglichen. Doch nichts hat sie näher an das gewünschte Ziel gebracht. Weder die zahlreichen Trainings in speziellen Institutionen, wie zum Beispiel in München, noch die alltäglichen Übungen zu Hause. Was noch erschwerend dazukam, war seine große Anfälligkeit für Krankheiten. Ständig wurde der Junge krank, hatte jedes kleinste Zipperlein abbekommen. Sein junges Leben war von Krankenhausaufenthalten geprägt. Mal wegen eines Leistenbruchs, mehrmals wegen Lungenentzündung. Nach jedem Krankenhausaufenthalt waren die kleinen Fortschritte, die er nach Wochen der Durchführung der Bobath’schen Übungen machte, wieder verschwunden. Irgendwann meinten die Ärzte auch, dass der Hirnschaden bei Markus sicherlich früher oder später die sogenannten Blitz-Nick-Salaam-Krämpfe verursachen würde, eine seltene und sehr ernst zu nehmende Säuglings-Epilepsie.

Der gesundheitliche Zustand von Markus sorgte bei Wolfgang für ein noch größeres schlechtes Gewissen, wenn er immer wieder an Trennung dachte. Und daran, dass er doch viel lieber mit seiner Vera zusammen wäre. Aber er konnte Elisabeth doch nicht mit einem schwer kranken Kind im Stich lassen! Doch trotz seines schlechten Gewissens waren Wolfgang und Elisabeth als Paar nicht zusammengewachsen in all ihren gemeinsamen Schwierigkeiten – ganz im Gegenteil: Sie stritten umso mehr. Deshalb der Beschluss zur Trennung. Und zum gemeinsamen Treffen mit Vera und ihrem Ehemann.

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Sie sind da. Wolfram und Elke stehen auf, um sie mit einem Händeschütteln zu begrüßen. Höflich – fast aufgesetzt freundlich –, und damit auch vorsichtig distanziert fällt die Begrüßung aus. Eine seltsame Situation. Es liegt Spannung in der Luft. Die Bedienung kommt. Wolfgang bestellt sich einen Cappuccino und ein Wasser, Vera einen Kakao. Die anderen beiden jeweils einen Kaffee. Die vier unterhalten sich über Belanglosigkeiten. „Leckerer Kaffee“, meint Veras Mann. „Der Kakao ist auch nicht schlecht“, erwidert Vera.

Es ist nicht das erste Mal, dass Vera Wolfgang besucht. Nach der Geburt von Markus hatte er den Kontakt zu ihr zwar nicht abgebrochen, aber zumindest gemieden. So sehr hatte ihn damals die Behinderung seines Sohnes aus der Bahn geworfen. Immer, wenn Vera versucht hatte, ihn anzurufen, war er nicht ans Telefon gegangen und hatte auch nicht zurückgerufen. Deshalb stand Vera eines Tages einfach so vor Wolfgangs Tür. Elisabeth war gerade nicht da. Sie war arbeiten. Wolfgang hatte sich sehr gefreut, Vera wiederzusehen. Sie hatten sich ja quasi von April bis Herbst 1972 nicht gesehen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb war dieses erste Aufeinandertreffen irgendwie krampfhaft. Sie hatten darüber gesprochen, wann Wolfgang sich denn endlich von Elisabeth trennen würde. Wolfgang hatte sich herausgeredet, wollte sich nicht festlegen. Dann hatten sie sich innig geküsst und anschließend miteinander geschlafen. Beim Abschied hatte Wolfgang Vera versprochen, dass er sich bei ihr melden würde. Das hatte er dann auch nach einer ganzen Weile getan. Eben an dem Tag, als er gemerkt hatte, dass er es endgültig nicht mehr mit Elisabeth aushält. Wolfgang war sich eigentlich sehr sicher gewesen, dass er von Vera eine Abfuhr bekommen würde. Doch die bekam er nicht, als er sie anrief. Nach einigen mehr oder weniger heimlichen Treffen zu zweit, sitzen Wolfgang und Vera nun mit ihren jeweiligen Ehepartnern in diesem kleinen Café in Hückeswagen.

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Ihre Getränke sind mittlerweile leer, Wolfgangs zweite Zigarette ist zu Ende geraucht. Zu viert machen sie sich zu einem Spaziergang auf. „Welche Route sollen wir nehmen?“, fragt Wolfgang. Elisabeth antwortet: „Vielleicht erst mal die Straße hier hoch und dann rechts abbiegen. Der Weg eignet sich besonders gut zum Spazieren!“ „Wirklich schönes Wetter heute“, wirft Vera ein. Sie gehen den von Elisabeth vorgeschlagenen Weg. Weitere Belanglosigkeiten werden ausgetauscht. Niemand spricht den Elefanten im Raum an. Allen sind aber die neuen Verhältnisse bewusst, auf die sie sich demnächst einstellen müssen. Wobei es Veras Mann tatsächlich erst jetzt zu dämmern scheint, dass Vera eine Affäre mit Wolfgang hat. Seiner Reaktion nach scheint es ihm aber auch nicht allzu weh zu tun. Zumindest trägt er es mit Fassung. Über die Ehe von ihm und Vera weiß Wolfgang, dass die beiden sich zwar nur selten streiten, dafür aber sonst nicht viel miteinander am Hut haben. Jeder führt so sein Leben parallel zum anderen. Die vier kommen am Auto von Vera und ihrem Mann an, womit der Spaziergang beendet ist. Die beiden verabschieden sich, steigen ins Auto und fahren davon, ohne etwas Gehaltvolles mit Wolfgang und Elisabeth besprochen zu haben.

Wolfgang und Elisabeth winken noch kurz freundlich und gehen dann schweigend nebeneinander nach Hause.

Wieder zu Hause angekommen, ist Wolfgang müde. Müde von Elisabeths langem Vortrag, den sie gerade darüber hält, wie blöd und unsympathisch Vera sei. Er geht aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer, um von Elisabeth wegzukommen. Elisabeth läuft ihm hinterher. Sie redet weiterhin auf ihn ein: „Die passt nicht zu dir! Ich weiß gar nicht, was du an dieser seltsamen Frau findest! Wir passen doch viel besser zusammen. Komm, uns geht es doch prima zusammen. Und das mit den kleinen Streitereien kriegen wir auch noch hin … Wolfgang, du kannst nicht gehen! Wir haben schließlich ein schwerbehindertes Kind zusammen! Markus braucht Mutter und Vater!“

Vor dem Treffen mit Vera und ihrem Mann hatte Elisabeth ihm glaubhaft erklärt, dass sie die bevorstehende Trennung akzeptieren würde und es sogar gut und richtig findet, sich voneinander zu trennen. Dementsprechend hatte sie sich auch verhalten. Wolfgang hatte ihr geglaubt, ihr ihr Schauspiel abgenommen. Bis zu diesem Tag hatte Elisabeth jedoch auch nicht gewusst, dass sich Wolfgang nach der Trennung sofort mit Vera zusammentun würde. Das war ihr erst jetzt klar geworden. Wolfgang versteht nun ebenfalls gerade, dass Elisabeth nicht bereit ist, ihn loszulassen. Er spürt, dass die Trennungszeit wahrscheinlich doch nicht so leicht verlaufen wird, wie er es sich erhoffte. Er will jedoch weg von Elisabeth. Ganz dringend. Wolfgang schnappt sich seine Jacke und geht einmal um den Block.

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Interviews

Die O’Bros im Interview

Egal ob auf Konzerten, Festivals oder Jugendgottesdiensten: Die O’Bros heizen immer maximal ein und stellen dennoch Gott in den Mittelpunkt. Die christlichen Hip-Hop-Künstler Alex und Maxi sprechen über ihre größten Leidenschaften: Glaube und Musik. Dieses Interview ist zuerst in der Jugendzeitschrift PUR erschienen.

Die O’Bros: Alex (links) und Maxi (rechts).

Hi ihr beiden! Wie hat das bei euch mit der Musik angefangen? Und seid ihr eigentlich „Fulltime-Rapper“?

Maxi: Wir machen Musik, seitdem wir sechs und sieben Jahre alt sind. Als Kinder und Jugendliche waren wir in vielen Bands und haben auch in der Gemeinde viel Musik gemacht. Mit dem Rappen angefangen haben wir mit zwölf. Wenn wir Lieder geschrieben haben, dann auch mit christlichem Hintergrund. Es waren Lieder über unseren Glauben und was wir mit Gott erleben.

Alex: Als Kind habe ich Schlagzeug gespielt und Maxi Klavier. Unser Vater leitete früher eine Kinder-Lobpreis-Band in der Gemeinde, in der wir immer fleißig am Start waren. In unserer Jugend haben wir in Rock- und Jazzbands gespielt, mit Chören und Orchestern. Aber Rap ist eben das, was uns am meisten Spaß macht. Wir sind keine Fulltime-Rapper, sondern haben Rap immer neben der Schule gemacht und jetzt neben dem Studium. Ich studiere BWL und Maxi Zahnmedizin.

Studium und Rap-Karriere – das hört sich ziemlich stressig an. 

Alex: Stressig ist nur das, was einen stressen lässt. Es ist immer eine Entscheidung, wovon ich mich stressen lasse und wovon nicht. Alles andere ist eine Prioritätensetzung. Mir hat Gott gezeigt, dass alles einen richtigen Zeitpunkt hat. Es gibt Phasen, in denen ich mich auf mein Studium konzentriere, und Phasen, in denen ich mich auf die O’Bros konzentriere. Manchmal geht beides gut nebeneinander her.

Wen möchtet ihr mit eurer Musik erreichen?

Maxi: Vor allem junge Menschen, in unserem Alter und jünger. Aber unsere Zielgruppe sind nicht nur Teenager, sondern auch ganz klar junge Erwachsene. Und vor allem Christen, denn unsere Vision war von vorneherein, Christen zu ermutigen, sich noch mehr auf Gott einzulassen und ihm zu vertrauen.

Ihr habt mal gesagt: „Wenn wir keine Christen wären, würden wir trotzdem noch rappen.“ Wie würde eure Musik dann klingen? Welchen Inhalt hätten eure Texte?

Maxi: Ich glaube, wir würden über das rappen, was uns am meisten bewegt. Wenn wir Jesus nicht kennen würden, wären das Themen wie Beziehungsstruggles und andere private Dinge. Doch Jesus prägt unsere Sicht auf die Welt und uns selbst. Weil er für uns ans Kreuz gegangen ist, geht es in unseren Texten um ihn. Die Musik selbst würde wahrscheinlich nicht anders klingen.

Die Brüder heizen dem Publikum ein.

Wieso glaubt ihr eigentlich an Jesus?

Alex: Ich finde, das Attraktive an Jesus ist, wie er mit Menschen umgegangen ist: Er hat die Verstoßenen aufgesucht, sie geheilt und ihnen gezeigt, dass sie wertvoll sind. Er hat nicht einfach eine neue Religion gebracht, sondern ist interessiert an einer Herz-zu-Herz-Beziehung mit uns Menschen. Deshalb liebe ich Jesus!

Habt ihr eine Lieblingsbibelstelle?

Alex: Bei mir gibt es immer Phasen, in denen ich bestimmte Bibelstellen mehr feiern kann als andere. Im Moment gefällt mir Micha 7,7 besonders gut.

Maxi: Wir sind christlich aufgewachsen und damit auch mit dem Bibellesen.

Heute ist das Bibellesen ein wesentlicher Bestandteil unseres täglichen Alltags. Doch leider habe ich tatsächlich jahrelang diese Zeit vernachlässigt und hatte deshalb ein schlechtes Gewissen. Inzwischen habe ich diesen Schatz wiederentdeckt. Ich nehme mir jeden Tag Zeit, Jesus in mein Leben sprechen zu lassen. Ich will ihn nicht nur damit volltexten, was mich interessiert. 

Wie geht ihr denn mit Zweifeln um?

Maxi: Zweifeln gehört zum Glauben in gewisser Weise dazu. Zweifel trennen häufig Falsches vom Wahren. An manchen Punkten habe ich an Gott gezweifelt, aber nie an seiner Existenz. Dafür habe ich viel zu viel mit ihm erlebt. Dass ich in diesen Zeiten, in denen ich ihn nicht gespürt habe, trotzdem an ihm drangeblieben bin, das waren die besten Entscheidungen meines Lebens.

Alex: Ich nenne meine Zweifel immer beim Namen. Wenn ich merke, dass ich etwas nicht glauben kann, was in der Bibel steht oder was Gott mir versprochen hat, sage ich das zuerst einmal Gott. Ich frage ihn, was er dazu sagt, und ich schütte ihm mein Herz aus – dabei bin ich zu 100 Prozent ehrlich – und ich bitte ihn, mein Herz zu verändern. Ich möchte Gottes Wahrheit in meinem Herzen haben. Empfehlenswert ist es auch, mit seinen Zweifeln zu guten, gläubigen Freunden zu gehen.

Auf welche Frage(n) sucht ihr immer noch nach einer Antwort?

Maxi: Wie ist das mit der Heilung? Die Bibel sagt, dass wir durch Jesus’ Wunden geheilt sind. Aber wenn ich krank bin und keine Heilung erlebe – heißt das dann, dass ich nicht richtig glaube? Ich bitte Gott oft darum, mir da seine Wahrheit zu zeigen.

Alex: Ich frage mich: Wie ist auf dieser Welt das Mächteverhältnis? Wem gehört die Welt: Gott oder dem Feind? Gott ist allmächtig und der Herrscher der Welt – aber wenn ich mich mit der geistlichen Welt und Dämonen beschäftige, frage ich mich, wer hier das Sagen hat …

Was ist euer Lebensmotto?

Maxi: Haben Leute heutzutage noch ein Lebensmotto? Also in der Bio meines privaten Instagram-Accounts steht: ‚If what I treasure the most, can never be taken away from me, than what do I have to fear?‘

Alex: Ich habe auch kein Lebensmotto, aber in meinem WhatsApp-Status steht: ‚The sky is not the limit!‘

Wieder zurück zur Musik: Wie entsteht eigentlich ein Song bei euch?

Maxi: Zuerst brauchen wir eine Inspiration, eine Idee. Das kann ein Thema sein, das uns beschäftigt, eine Offenbarung, die Gott uns gegeben hat, ein Song, den wir kennen, oder musikalische Elemente daraus. Dann setzen wir uns an den Beat. Ich schreibe meistens zuerst die melodischen Parts und anschließend kommen die Drums darauf. Alex macht das eher andersherum. Danach schreiben wir darauf einen Text.

Alex: Wir haben eine App auf unseren Smartphones, wo wir unsere Textideen aufschreiben, die mitten im Alltag kommen, in der U-Bahn, beim Einschlafen. Es ist wichtig solche ‚Fetzen‘ sofort aufzuschreiben, um sie nicht zu vergessen. Die verwenden wir bei unseren Texten. Das Gleiche gilt für die Melodien.

Die O’Bros schreiben ihre Songs alle selber.

Was würdet ihr jemandem raten, der beruflich Musik für und über Gott machen möchte?

Maxi: Frag Gott, ob er das überhaupt von dir möchte. Und frag dich: „Wofür brenne ich? Was würde ich stundenlang machen, ohne Geld dafür zu kriegen? Worin bin ich eigentlich besser als andere?“ Wenn du diesen Punkt gefunden hast, gibt es zwei Säulen: deine Skills und deinen Charakter. Übe das, was du gut kannst, und werde darin noch besser. Schau auch, welche Charakter-Defizite du hast und vertraue sie Jesus an. Denn die Wurzel jedes Dienstes liegt nicht in deinen Skills, sondern in deinem Charakter. 

Mit welchen Stars würdet ihr gerne mal zusammenarbeiten?

Alex: Ich würde gerne mal ein Konzert spielen mit Rap-Künstlern, die gar nicht in der christlichen Szene unterwegs sind.

Maxi: Auf Sido hätte ich richtig Bock.

Alex: Oder Seeed! Eine Ehre wäre auch Xavier Naidoo. Davon haben wir schon als Kids geträumt. Er ist schon immer ein musikalisches Vorbild für uns gewesen. Das letzte Album haben wir sogar in Mannheim im Studio von Xavier Naidoo aufgenommen. 

Hättet ihr mit der Musik auch ohne Erfolg weitergemacht?

Alex: Ja, aber nicht in dem Rahmen. Also nicht so viel auf der Bühne.

Maxi: Ich würde wahrscheinlich auch Musik machen, wenn die O’Bros nicht so groß geworden wären. Dann hinge nicht so viel Orga dran und ich hätte mehr Zeit für die Musik an sich. 

Alex: Also, ich würde immer Musik machen, aber ich hätte meinen Fokus wahrscheinlich woanders hingelegt, wenn es nicht geklappt hätte.

Ihr habt auch schon heftige Shitstorms erleben müssen. Was hat euch geholfen, damit umzugehen?

Alex: Schon in der Bibel steht, wer sich zu Jesus bekennt, wird von dieser Welt gehasst werden. Selbst auf Jesus trifft das zu; er wurde sogar umgebracht. Wenn Christen Stellung für Jesus beziehen, bekommen sie heftigen Gegenwind a. k. a. Shitstorm. Es gab bei uns eine Zeit, in der wir im Internet total fertiggemacht worden sind und das hat uns sehr verletzt. Wir haben damals mehr als sonst Jesus’ Nähe gesucht – das hat uns sehr geholfen. Wir haben ihn gefragt, was er über die Hater denkt. Es ist krass: Er sieht zwar unseren Schmerz, aber er sagt nur wunderbare Sachen über diese Menschen. Er liebt sie so sehr wie uns! Er ist für diese Menschen gestorben. Diese Sicht hat uns einen riesigen und unerklärbaren inneren Frieden geschenkt. 

Wir konnten viele Dinge lernen, auch etwas über den Selbstwert. Wenn ein Shitstorm über dich kommt, ist die Frage: Wovon machst du deinen Wert abhängig – von der Meinung anderer, der Anzahl deiner Likes, deinem Aussehen? Wer seinen Selbstwert von anderen Menschen abhängig macht, wird stolz bei gutem Feedback und depressiv bei schlechtem. Das Beste ist, dass du deinen Wert von Jesus abhängig machst! Maxi hat mal gesagt: ‚Die Anerkennung oder Missachtung von tausenden Menschen ist lächerlich klein im Vergleich zu der Anerkennung, die mein Vater im Himmel für mich hat.‘

Ich habe gemerkt, dass der schlimmste Shitstorm auf der Welt mir nicht das nehmen kann, was mir wirklich wichtig sind: Gott, meine Berufung, meine Identität in Jesus, meinen Charakter, meine Familie und meine engen Freunde.

Während der Pandemie durften lange keine größeren Konzerte stattfinden. Wie habt ihr diese Zeit erlebt? Und worauf freut ihr euch am meisten, wenn „normale“ Konzerte wieder möglich sind?

Maxi: Für uns war die Zeit eine große Umstellung. Unsere riesige Deutschland-Schweiz-Tour und fast alle Konzerte mussten abgeblasen werden. Wir haben gelernt, wie nichtig unsere menschlichen Pläne sind, und wie wichtig es ist, nach Gottes Plänen zu leben. Trotzdem geht uns die Pandemie langsam auf den Sack. Wir haben richtig Bock, wieder auf der Bühne zu stehen.

Alex: Neulich sind wir vor nur 15 Leuten aufgetreten, statt wie sonst vor 15.000. Aber es war für uns voll cool, weil Gott uns damit gezeigt hat, was wirklich wichtig ist: Es sind nicht die Massen, sondern die einzelnen Personen. Diese Konzerte vor wenigen Leuten waren mega erfüllt mit dem Heiligen Geist.

Die beiden Rapper vermissen die Bühne und ihre Fans.

Was macht die Fans der O’Bros zu den besten Fans der Welt?

Maxi: Ohne unsere Fans wären wir überhaupt nicht da, wo wir sind. Unser erstes Album ist durch Crowdfunding entstanden. Rein finanziell hätten wir es niemals geschafft, die O’Bros alleine aufzubauen.

Alex: Wir lieben an unserer Community, dass sie so jesuszentriert ist. Es geht hier nicht um Maxi und mich, sondern darum, dass wir als eine Familie Jesus großmachen. Deshalb ist unsere Community geiler als die Community von anderen.

Was wünscht ihr euch, dass eure Hörer über euch wüssten?

Maxi: Unsere Hörer sollen verstehen, wer Jesus für uns ist, und dass wir ganz normale Menschen sind, wie unsere Hörer. Sie sollen verstehen, dass alles, was wir mit Jesus erleben, auch sie mit ihm erleben können.

Vielen Dank für das Interview liebe O’Bros!

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Body image Gedanken Gedicht

Seelenstiche

Photo by Cherry Laithang on Unsplash

„Du bist hässlich, dumm und wertlos!“,

sagen sie mir täglich herzlos.

„Deine dicke Hornbrille und Pickelfresse,

ekeln alle an – genau wie deine Blässe!

„Die Ekelhafte stinkt wie ein Schwein“,

lästern sie und stellen mir ein Bein.

„Du kannst nichts – Du bist und bleibst ein Loser!“,

spotten sie und ich werd immer hilfloser!

Überall Gelächter,

spöttische Gesichter.

Sie fühlen sich stark in der Gruppe,

meine Gefühle sind ihnen schnuppe.

Sie verletzen mich mit jedem Wort,

für sie ist das so was wie ein Sport.

Ein Mörder sticht seinem Opfer in die Kehle.

Ein Mobber sticht in eine verletzliche Seele.

„Sags uns, wer liebt dich schon?!“,

fragen sie mich voller Hohn.

Ich habe keine Antwort auf ihre Frage,

frage mich aber, wie lange ich das noch ertrage.

„Du bist unnötig. Bring dich mal lieber mal um!

Niemand wird dich vermissen; sich fragen nach dem Warum.“

Keiner steht mir bei in meinem Schmerz.

Mir blutet mein verwundetes Herz.

Ihre abscheulichen Worte und Taten

ist mein Sterben auf Raten.

Sie bringen mich in allergrößte Not,

Ich wünschte mir, ich wäre längst tot.

Doch alles, was sie über mich sagen sind Lügen.

Und wieso muss ich eigentlich ihnen genügen?

Ich bin wertvoll in Gottes Augen.

Das ist wichtig und richtig zu glauben.

Trotzdem ist der tiefe Schmerz noch da,

Rache will ich üben, ja!

Doch müsste ich eigentlich kämpfen mit anderen Waffen.

So wie es mir entspricht: Ich bin wunderbar geschaffen!

Wie mich selbst soll ich meinen Nächsten lieben;

ihm mehr als sieben mal sieben vergeben.

Das bedeutet nicht, mich wie Dreck behandeln zu lassen,

und sie weiter in meinem Herzen heimlich zu hassen.

Ein Mobber ist ein Gefangener seiner eigenen Unzufriedenheit.

Um seinen Frust auszulassen sucht er stets nach einer Gelegenheit.

Doch wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Dafür wird Gott fürwahr sorgen und der Sieg ist mein.

Dazu muss ich ihm vertrauen ganz.

Nicht sie, sondern er gibt mir wahren Glanz.

Er wird mich wieder vollständig machen.

Dann kann ich neu vom Herzen lachen.

“Seelenstiche” wurde zuerst im Klartext-Magazin veröffentlicht.

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Interviews

Kiffen vs. Glaube

Im Interview mit Scott W.

Das Interview mit Scott über seine Drogensucht, das Kiffen, habe ich ursprünglich für die Zeitschrift Dran geführt. Mit freundlicher Genehmigung von beiden Parteien veröffentliche ich nun das Ergebnis auch hier.

Mit 15 raucht Scott seinen ersten Joint. Jahrelang bestimmen die Drogen seinen Alltag, bis er erkennt, dass die vermeintliche Freiheit sein Gefängnis ist.

Scott, wie bist du das erste Mal mit Drogen in Berührung gekommen?

Wir haben uns in der Gemeinde ein Fußballspiel angeschaut. In der Halbzeit sind ein paar Jugendliche zum Kiffen woandershin gegangen. Ich habe einfach mitgemacht und mir nicht viel dabei gedacht. Körperlich habe ich nicht viel gemerkt. Es war nur komisch, danach wieder ins Gemeindehaus zurückzugehen. Erst beim nächsten Joint hatte es richtige Auswirkungen: Es hat sich gut angefühlt und war auch witzig.

Warst du zu diesem Zeitpunkt schon gläubig?

Kinderkirche, Jugendarbeit – ich bin mit dem Glauben aufgewachsen. Gleichzeitig haben mich die Dinge der Welt immer angezogen. Ich wusste, dass das Kiffen nicht zum Glauben passt, habe aber trotzdem weiter gemacht.

Wie hat sich das Kiffen auf deinen Alltag ausgewirkt?

Ich war süchtig. Das hat sich darin gezeigt, dass ich ein Doppelleben geführt habe. Ich bin weiterhin brav zur Gemeinde und in den Jugendkreis gegangen, gleichzeitig habe ich meine Eltern ständig belogen. Ich kam immer erst spät nach Hause, damit ich ihnen abends nicht bekifft begegnen musste. Mir hat alles andere kaum noch Spaß gemacht. Es hat mich einfach nichts mehr interessiert. „Wann kann ich endlich wieder kiffen?“, war so ziemlich der einzige Gedanke, den ich damals hatte.

Haben deine Eltern, Geschwister oder Freude mal interveniert?

Gott hat immer interveniert, sonst eigentlich niemand. Meine Eltern und älteren Geschwister haben kaum bis nichts davon mitbekommen. Meine Freunde wussten es schon, vor allem die im Jugendkreis. Dadurch, dass ich immer mehr gekifft habe, bin ich aber immer seltener in die Gemeinde gegangen. In dieser Zeit hat Gott anders zu mir gesprochen. Einmal habe ich mir eine Folge der Serie „Scrubs” angeschaut. Darin sind einige Menschen gestorben. Es war so, als ob Gott zu mir gesagt hätte: „So lebst du gerade. Du bist eigentlich tot – geistlich gesehen”. Daraufhin habe ich mit dem Kiffen aufgehört, mich von dem Freundeskreis getrennt und bin wieder in den Jugendkreis gegangen. Das war richtig cool eine Zeit lang. Aber irgendwie habe ich dort nicht das bekommen, was ich wollte. Am Anfang brannte ich für Jesus, später nahm dieses Feuer wieder ab und ich suchte nach etwas anderem. Und so kam ich in einen Teufelskreis: Jedes Mal, wenn ich erneut mit dem Kiffen angefangen habe, ging es ein Stück schneller bergab mit mir.

Welche Gedanken kamen dir, als du dann mit den Drogen aufhören wolltest?

Ich weiß noch, dass ich schon lange damit aufhören wollte. Gleichzeitig war die Vorfreude aufs Kiffen aber immer so immens. Als ich dann wieder high war, habe ich gemerkt, dass es sich doch nicht so gut anfühlt. Und es mir überhaupt nicht guttut. Dann wollte ich wieder aufhören. Letztes Jahr war ich sehr enttäuscht von mir selbst. Ich bekam das Leben mit Jesus überhaupt nicht auf die Reihe. Dann passierte was Krasses – es war so als ob der Teufel zu mir sagen würde: „Du bist lauwarm. Gott gefällt das gar nicht. Er wird dich ausspucken! Ich mache dir ein Angebot: Lass deinen kleinen Glauben an Jesus einfach los, dann kannst du dein Leben weiter so leben, wie du es sowieso schon tust. Aber du kannst es viel mehr genießen. Mit Geld, Frauen und Fame.” Das waren nicht meine eigenen Gedanken. Ich wusste, dass es nichts nützt, wenn man die ganze Welt gewinnt, aber dabei seine Seele verliert. Gleichzeitig wollte ich mein Leben aber auch nicht von Grund auf ändern.

Wie hast du dann mit den Drogen aufgehört?

Ich hatte bestimmt ein halbes Jahr lang nicht mehr in der Bibel gelesen oder gebetet. Es hat mich immer etwas davon abgehalten. Irgendwann habe ich mich einem Kumpel anvertraut und er hat eine kleine Gebetsgruppe für mich gestartet. So begann meine Befreiung. Ein paar Wochen später habe ich es auch meiner Familie erzählt, die dann ebenfalls für mich gebetet hat. Danach habe ich mich befreit gefühlt und wieder intensiv nach Gott gesucht. Doch das hat schnell wieder nachgelassen, weil Gott mir nicht geantwortet hat. Ich dachte damals: Ich habe für ihn die Drogen aufgegeben, aber er lässt sich nicht von mir finden? Dann kann ich auch Kiffen und bin wenigstens für zwei oder drei Stunden gut drauf. Danach kann ich Gott ja wieder um Vergebung bitten. Daraufhin folgte ein richtiger Horrortrip. Inmitten dieses Trips hat Gott mir gesagt, dass er nicht will, dass ich irgendwelche Sachen für ihn aufgebe, sondern dass ich aufgebe, für mich selbst zu leben. Am nächsten Tag habe ich den Lobpreissong „To be near you“ angehört: „God you know, my heart is divided. And my lips have worshiped many idols.” Das hat mich total getroffen. Ich hatte immer Angst etwas aufzugeben, weil ich dachte, dass dann nichts mehr von mir übrigbleibt. Aber weil Gott trotz seiner Größe für mich gestorben ist, entschied ich mich schließlich doch dafür. Es war dann so, als hätte ich ein neues Herz bekommen. Ich habe geweint. Das erste Mal wieder, seit ich ein Kind war.

Wie hast du dir ein hingegebenes Leben als Christ denn vorgestellt?

Früher dachte ich, dass ich frei bin, wenn ich ohne Gott lebe. Ich könnte tun, was ich möchte. Aber in Wirklichkeit ist man nicht frei, sondern Sklave der Sünde und fühlt sich dazu gezwungen, bestimmte Dinge zu tun. Ich glaubte, dass ich als Christ meine Freiheit verlieren würde, weil ich diese ganzen Regeln einhalten müsste. In Realität sind die Regeln aber genau dafür da Freiheit zu geben. Nicht weil ich gezwungen bin sie einzuhalten, sondern weil ich weiß, dass es das Beste für mich ist.

Führst du immer noch einen Kampf gegen die Drogen?

Mittlerweile denke ich gar nicht mehr daran, obwohl ich ständig von Leuten umgeben bin, die kiffen.

Welchen Ratschlag würdest du Menschen geben, die mit den Drogen aufhören wollen?

Gebet! Erzählt anderen davon und bringt eure Probleme ans Licht. In christlichen Kreisen schämt man sich oft dafür, aber im Licht verliert das Dunkel seine Macht. Wenn man Leute hat, die für einen beten, dann kann es richtig krasse Befreiung geben. Genauso wichtig ist es aber, dass man sich nach der Befreiung mit etwas anderem füllt: mit Jesus. Ansonsten kann es sein, dass man einen heftigen Rückfall hat.

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Gedicht

Der Tod

Der Tod ist unvermeidlich,

immer unausweichlich

und gleichzeitig völlig unbegreiflich.

Mit nichts anderem zu vergleichen.

Eine solche Konsequenz und Endgültigkeit nicht anders zu erreichen.

Irgendwann trifft es jeden.

Jeder muss einmal sterben.

Das ist die traurige Wahrheit.

Das kann ich sagen mit Klarheit.

Akzeptiere es: Der Tod gehört einfach zum Leben!

Falsch: Der Tod ist das Gegenteil vom Leben!

Er ist der ultimative Gegner des Menschen

Doch was bringt es schon gegen ihn zu kämpfen?

Nichts! 

Auch du wirst einmal schauen müssen ins Angesicht dieses Bösewichts.

Gleichzeitig dient er uns wie ein alter Freund,

der seine Zuständigkeit nie versäumt.

Brauchst du dafür einen Beweis?

Ich gebe dir einen Hinweis:

Willst du etwa für immer leben in dieser Welt?

Nein, nicht wenn sie sich so verhält.

Mit all ihrer Härte,

ihrer elenden Herzenskälte.

Krieg, Unglück und Gebrechlichkeit,

Krankheit, Starrsinn und Ungerechtigkeit.

Nein, danke. Nicht mit mir!

Tod, hol mich hier raus, bevor ich meinen Verstand verlier!

Sterben ist mein Gewinn.

Ergibt das für dich irgendeinen Sinn?

Doch noch will ich nicht gehen, 

habe noch so viel zu geben

zu nehmen

zu sehen

und zu erleben.

Bis zum bitteren Ende kämpfe ich diesen Kampf

– manchmal ist das Leben wie ein einziger Krampf.

Doch muss das Ende denn immer bitter sein?

Nein!

Fest steht aber: Beim Sterben ist man allein.

Die Frage danach, was danach kommt,

beantworte ich dir prompt:

Das entscheidest du selbst.

Durch eine Entscheidung, die du für den Rest deines Lebens fällst

und darüber hinaus. 

Eine Entscheidung für die Ewigkeit jetzt im Voraus.

Meine Entscheidung ist bereits getroffen

Ich brauch nicht mehr, nur noch zu hoffen.

Nein, ich darf wissen

und das möchte ich nicht missen.

Mein Leben nach dem Tod?

Bei ihm für immer, meinem Gott!