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Kiffen vs. Glaube

Im Interview mit Scott W.

Das Interview mit Scott über seine Drogensucht, das Kiffen, habe ich ursprünglich für die Zeitschrift Dran geführt. Mit freundlicher Genehmigung von beiden Parteien veröffentliche ich nun das Ergebnis auch hier.

Mit 15 raucht Scott seinen ersten Joint. Jahrelang bestimmen die Drogen seinen Alltag, bis er erkennt, dass die vermeintliche Freiheit sein Gefängnis ist.

Scott, wie bist du das erste Mal mit Drogen in Berührung gekommen?

Wir haben uns in der Gemeinde ein Fußballspiel angeschaut. In der Halbzeit sind ein paar Jugendliche zum Kiffen woandershin gegangen. Ich habe einfach mitgemacht und mir nicht viel dabei gedacht. Körperlich habe ich nicht viel gemerkt. Es war nur komisch, danach wieder ins Gemeindehaus zurückzugehen. Erst beim nächsten Joint hatte es richtige Auswirkungen: Es hat sich gut angefühlt und war auch witzig.

Warst du zu diesem Zeitpunkt schon gläubig?

Kinderkirche, Jugendarbeit – ich bin mit dem Glauben aufgewachsen. Gleichzeitig haben mich die Dinge der Welt immer angezogen. Ich wusste, dass das Kiffen nicht zum Glauben passt, habe aber trotzdem weiter gemacht.

Wie hat sich das Kiffen auf deinen Alltag ausgewirkt?

Ich war süchtig. Das hat sich darin gezeigt, dass ich ein Doppelleben geführt habe. Ich bin weiterhin brav zur Gemeinde und in den Jugendkreis gegangen, gleichzeitig habe ich meine Eltern ständig belogen. Ich kam immer erst spät nach Hause, damit ich ihnen abends nicht bekifft begegnen musste. Mir hat alles andere kaum noch Spaß gemacht. Es hat mich einfach nichts mehr interessiert. „Wann kann ich endlich wieder kiffen?“, war so ziemlich der einzige Gedanke, den ich damals hatte.

Haben deine Eltern, Geschwister oder Freude mal interveniert?

Gott hat immer interveniert, sonst eigentlich niemand. Meine Eltern und älteren Geschwister haben kaum bis nichts davon mitbekommen. Meine Freunde wussten es schon, vor allem die im Jugendkreis. Dadurch, dass ich immer mehr gekifft habe, bin ich aber immer seltener in die Gemeinde gegangen. In dieser Zeit hat Gott anders zu mir gesprochen. Einmal habe ich mir eine Folge der Serie „Scrubs” angeschaut. Darin sind einige Menschen gestorben. Es war so, als ob Gott zu mir gesagt hätte: „So lebst du gerade. Du bist eigentlich tot – geistlich gesehen”. Daraufhin habe ich mit dem Kiffen aufgehört, mich von dem Freundeskreis getrennt und bin wieder in den Jugendkreis gegangen. Das war richtig cool eine Zeit lang. Aber irgendwie habe ich dort nicht das bekommen, was ich wollte. Am Anfang brannte ich für Jesus, später nahm dieses Feuer wieder ab und ich suchte nach etwas anderem. Und so kam ich in einen Teufelskreis: Jedes Mal, wenn ich erneut mit dem Kiffen angefangen habe, ging es ein Stück schneller bergab mit mir.

Welche Gedanken kamen dir, als du dann mit den Drogen aufhören wolltest?

Ich weiß noch, dass ich schon lange damit aufhören wollte. Gleichzeitig war die Vorfreude aufs Kiffen aber immer so immens. Als ich dann wieder high war, habe ich gemerkt, dass es sich doch nicht so gut anfühlt. Und es mir überhaupt nicht guttut. Dann wollte ich wieder aufhören. Letztes Jahr war ich sehr enttäuscht von mir selbst. Ich bekam das Leben mit Jesus überhaupt nicht auf die Reihe. Dann passierte was Krasses – es war so als ob der Teufel zu mir sagen würde: „Du bist lauwarm. Gott gefällt das gar nicht. Er wird dich ausspucken! Ich mache dir ein Angebot: Lass deinen kleinen Glauben an Jesus einfach los, dann kannst du dein Leben weiter so leben, wie du es sowieso schon tust. Aber du kannst es viel mehr genießen. Mit Geld, Frauen und Fame.” Das waren nicht meine eigenen Gedanken. Ich wusste, dass es nichts nützt, wenn man die ganze Welt gewinnt, aber dabei seine Seele verliert. Gleichzeitig wollte ich mein Leben aber auch nicht von Grund auf ändern.

Wie hast du dann mit den Drogen aufgehört?

Ich hatte bestimmt ein halbes Jahr lang nicht mehr in der Bibel gelesen oder gebetet. Es hat mich immer etwas davon abgehalten. Irgendwann habe ich mich einem Kumpel anvertraut und er hat eine kleine Gebetsgruppe für mich gestartet. So begann meine Befreiung. Ein paar Wochen später habe ich es auch meiner Familie erzählt, die dann ebenfalls für mich gebetet hat. Danach habe ich mich befreit gefühlt und wieder intensiv nach Gott gesucht. Doch das hat schnell wieder nachgelassen, weil Gott mir nicht geantwortet hat. Ich dachte damals: Ich habe für ihn die Drogen aufgegeben, aber er lässt sich nicht von mir finden? Dann kann ich auch Kiffen und bin wenigstens für zwei oder drei Stunden gut drauf. Danach kann ich Gott ja wieder um Vergebung bitten. Daraufhin folgte ein richtiger Horrortrip. Inmitten dieses Trips hat Gott mir gesagt, dass er nicht will, dass ich irgendwelche Sachen für ihn aufgebe, sondern dass ich aufgebe, für mich selbst zu leben. Am nächsten Tag habe ich den Lobpreissong „To be near you“ angehört: „God you know, my heart is divided. And my lips have worshiped many idols.” Das hat mich total getroffen. Ich hatte immer Angst etwas aufzugeben, weil ich dachte, dass dann nichts mehr von mir übrigbleibt. Aber weil Gott trotz seiner Größe für mich gestorben ist, entschied ich mich schließlich doch dafür. Es war dann so, als hätte ich ein neues Herz bekommen. Ich habe geweint. Das erste Mal wieder, seit ich ein Kind war.

Wie hast du dir ein hingegebenes Leben als Christ denn vorgestellt?

Früher dachte ich, dass ich frei bin, wenn ich ohne Gott lebe. Ich könnte tun, was ich möchte. Aber in Wirklichkeit ist man nicht frei, sondern Sklave der Sünde und fühlt sich dazu gezwungen, bestimmte Dinge zu tun. Ich glaubte, dass ich als Christ meine Freiheit verlieren würde, weil ich diese ganzen Regeln einhalten müsste. In Realität sind die Regeln aber genau dafür da Freiheit zu geben. Nicht weil ich gezwungen bin sie einzuhalten, sondern weil ich weiß, dass es das Beste für mich ist.

Führst du immer noch einen Kampf gegen die Drogen?

Mittlerweile denke ich gar nicht mehr daran, obwohl ich ständig von Leuten umgeben bin, die kiffen.

Welchen Ratschlag würdest du Menschen geben, die mit den Drogen aufhören wollen?

Gebet! Erzählt anderen davon und bringt eure Probleme ans Licht. In christlichen Kreisen schämt man sich oft dafür, aber im Licht verliert das Dunkel seine Macht. Wenn man Leute hat, die für einen beten, dann kann es richtig krasse Befreiung geben. Genauso wichtig ist es aber, dass man sich nach der Befreiung mit etwas anderem füllt: mit Jesus. Ansonsten kann es sein, dass man einen heftigen Rückfall hat.

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Missbrauch: der Kampf danach

Interview mit Rachel

Ursprünglich habe ich dieses Interview mit Rachel über ihren Missbrauch und das Danach für die Zeitschrift Klartext geführt. Mit freundlicher Genehmigung von beiden Parteien veröffentliche ich nun das Ergebnis in seiner längeren Version auch hier.

Ich betone ausdrücklich, dass dieser Beitrag aufgrund seiner expliziten Beschreibungen nicht für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Für alle Betroffenen sexualisierter Gewalt gilt eine Triggerwarnung.

Missbrauch: der Kampf danach – das Interview
Rachel: eine Überlebende sexuellen Missbrauchs

Rachel, du wurdest als Kind mehrfach sexuell missbraucht. Welche Erinnerungen hast du, von denen du uns erzählen möchtest?

Rachel: Der Missbrauch geschah an den Wochenendbesuchen bei meinem Vater. Es gab dort einen Mann, der mich missbraucht hat. Ich weiß aber nicht, wer er war. Er hat mich, meine Stiefschwester und einen Hund für den Missbrauch benutzt. Ich erinnere mich daran, wie jemand auf meinem Gesicht sitzt und ich keine Luft bekomme. Ich erinnere mich an den Geschmack von Urin und an Hände, die mich gegen den Boden drückten, während jemand anderes sich sexuell an mir verging. Sie haben Erdnussbutter über unsere Körper gestrichen. Wenn der Hund nicht das getan hat, was er tun sollte, haben sie ihn solange gefoltert, bis er geblutet hat. Bis zu meinem 13. Lebensjahr habe ich dann selbst Tiere gequält und gefoltert.

Ich erinnere mich an den Geschmack von Urin und an Hände, die mich gegen den Boden drückten, während jemand anderes sich sexuell an mir verging.

Rachel über ihren Missbrauch

Wenn man in einer Großstadt spazieren geht und es regnet, dann steigt immer so ein Geruch von Hundeurin auf. Den kann ich bis heute nicht ertragen. Da bekomme ich Flashbacks. Dasselbe passiert bei einer feuchten Hundezunge an meiner Haut, wenn ich einen Hund jaulen höre oder wenn ich Blut rieche. Früher konnte ich mich nicht einmal zusammen mit einem Hund in einem Raum aufhalten. Doch nach einer speziellen Therapie geht das wieder. Ich bin zwar immer noch kein Hundefreund, doch hassen tue ich Hunde jetzt auch nicht mehr.

Missbrauch: der Kampf danach  – ein Interview
Rachel leidet an Flashback

Das “Interessante” an meinen Erinnerungen ist, dass ich zuerst gar keine hatte. Ich erinnere mich auch jetzt nicht einmal an Geburtstage, Weihnachtsfeiern, einfach an gar nichts, was vor meinem 8. Lebensjahr stattgefunden hat. Das liegt an der dissoziative Amnesie, an der ich leide. Mein Gehirn verschließt die traumatischen Erlebnisse meiner Kindheit vor mir – zu meinem eigenen Schutz. Es ist so, als ob ich vor meinem 8. Lebensjahr gar nicht existiert hätte. Die meisten bruchstückhaften Erinnerungen kamen erst in meinen frühen 20ern wieder. Manche kamen von allein, andere wurden durch bestimmte Trigger wie Gerüche, Geschmacksrichtungen oder Geräusche ausgelöst. Die erste nicht verdrängte Erfahrung, die ich hatte, war mein Selbstmordversuch mit 8 Jahren.

Was gibt dir den Mut dazu, mit deiner Erfahrung an die Öffentlichkeit zu gehen? Und was ist deine Motivation dabei?

Rachel: Auch ich hätte vor 10 Jahren noch nicht öffentlich über meinen Missbrauch sprechen können. Ich musste erst daran arbeiten, an mir arbeiten und bin auch heute noch nicht komplett gesund. Aber ich kann jetzt zumindest darüber sprechen, was mir passiert ist. Obwohl: Es gibt sie immer noch Dinge, die so schlimm für mich sind, dass ich noch nicht über sie sprechen kann. Damals hätte ich mir aber jemanden gewünscht, der so etwas selbst erlebt hat und mir Mut zum Weitermachen gegeben hätte. Jemanden, der meinen Schmerz verstanden hätte. So jemand möchte ich jetzt für andere sein.

Wieso hast du deinen Eltern damals nicht von dem Missbrauch erzählt?

Rachel: Gerade, weil mir die Erinnerungen an diese Zeit fehlen, kann ich nicht genau sagen, weshalb ich damals nichts erzählt habe. Ich vermute, dass es an der schwierigen Beziehung zu meiner Mutter gelegen hat. Ich hatte kein richtiges Vertrauen zu ihr. Jahre nach dem Missbrauch fand ich heraus, dass ich sie immer angefleht habe, nicht zu meinem Vater gehen zu müssen. Sie dachte aber, dass ich einfach meine Stiefmutter nicht mögen würde oder so und hat mich deshalb trotzdem hingefahren. Meine Mutter musste damals selbst viel Traumatisches durchmachen. Ich glaube nicht, dass sie in der Lage gewesen ist, zu verstehen, was da mit mir passierte.

Bereits in der dritten Klasse hatte ich Sex mit meinen Freunden, dachte aber, dass das ganz normal sei. Ich wusste nicht, dass es da etwas zu erzählen gibt. Deshalb konnten meine Eltern auch nicht reagieren.

Es gab aber andere Signale dafür, dass etwas nicht mit mir stimmte. So habe ich mir zum Beispiel meine Haare büschelweise vor dem Spiegel ausgerissen und dann gegessen. In der zweiten Klasse habe ich unangemessene Bilder gemalt, woraufhin mein Lehrer das Jugendamt informiert hat. Meine Mutter gab mich deshalb später in Behandlung. Das rechne ich ihr positiv an.

Missbrauch: der Kampf danach  – ein Interview
Rachel hatte bereits in der dritten Klasse Sex mit ihren Freunden

In dieser schrecklichen Zeit, sagt du, bist du Gott zum ersten Mal begegnet. Wie sah diese Begegnung aus?

Rachel: Als ich neun Jahre alt war, bekam meine Mutter einen Anruf von einem Bekannten, der unbedingt vorbeikommen und für meinen Schutz beten wollte. Das tat er dann auch. In der darauffolgenden Nacht wachte ich plötzlich auf, weil ich seltsame Geräusche gehört habe. Von meinem Türrahmen aus konnte ich direkt in das Schlafzimmer meiner Mutter sehen: Ein nackter Mann lag auf ihr! Er bemerkte mich erst nach einer Weile. Als er sich zu mir umgedreht hat, schaute er so, als ob er über mir ein Gespenst gesehen hätte. Dann rannte er vollkommen verängstigt und nackt aus dem Haus raus.

Später erzählte mir meine Mutter, dass der Einbrecher sie schon eine Weile lang gestalkt habe und einiges über uns und ihren Tagesablauf gewusst habe. Als sie aufgewacht sei, habe der Mann bereits nackt auf ihr gelegen und ihr damit gedroht, ihre Kinder zu töten, wenn sie nicht leise sei. Ihr einziger Gedanke sei gewesen, Gott um Hilfe zu bitten. Als ich dann im Türrahmen stand, habe meine Mutter über mir ein sehr helles Licht gesehen. Vor diesem Licht muss der Mann wohl weggerannt sein …

Von da an wusste ich, dass es etwas Größeres gibt. Ich wusste zwar noch nicht, was oder wer das war, und hatte auch keine Lust, damit in Kontakt zu treten, wusste aber, dass es uns beschützt hatte. Heute bin ich mir sicher: Gott hatte einen Engel geschickt. Gott zeigte mir damals, dass es ihn gibt. Danach ist es mir nie wieder gelungen, an Gottes Existenz zu zweifeln – wie sehr ich es auch versucht habe.

Heute bin ich mir sicher: Gott hatte einen Engel geschickt. Gott zeigte mir damals, dass es ihn gibt.

Rachel über ihre erste Gotteserfahrung
Missbrauch: der Kampf danach  – ein Interview
Rachel macht mit neun Jahren ihre erste Gotteserfahrung

Sexueller Missbrauch, Kriminalität, Armut, Scheidung deiner Eltern und der Tod deines Vaters, als du erst zehn Jahre alt warst: Wie hat das alles deine Entwicklung als Kind geprägt?

Rachel: Da ich weder eigene Erinnerungen an unser Zusammenleben als Familie noch an die Trennung meiner Eltern oder an meinen Missbrauch habe, ist das schwer zu sagen. Auf jeden Fall aber negativ! Von der Kriminalität in meiner eigenen Familie erfuhr ich erst sehr spät – genauso auch von dem Missbrauch meiner Mutter durch meinen Vater.

Meine Mutter hat geglaubt, ich hätte ihren Missbrauch und den meines Bruders mitbekommen und mich deshalb so auffällig verhalten. Sie hat daraus nicht den Rückschluss ziehen können, dass ich selbst missbraucht worden bin.

Als ich herausgefunden habe, was mein Vater meiner Mutter angetan hatte, begann ich, ihn dafür zu hassen. Ich habe ihn auch dafür gehasst, dass er nach der Scheidung meinen geliebten Bruder, der auch mein bester Freund war, entführte. Als mein Vater dann gestorben war, hatte ich meinen Bruder endlich wieder zurück!

Was den Tod meines Vaters angeht, fühlte ich eine seltsame Mischung aus Anteilslosigkeit und Freude. Dadurch, dass ich selbst auch kriminell wurde, konnte ich aber später eine Art „Verbindung“ zu ihm aufbauen. Ich wusste, dass ich das Lügen, Stehlen und Manipulieren von meinem Vater “geerbt” hatte – darauf war ich irgendwie stolz.

Stolz war ich auch auf die Verbindung meiner Großeltern väterlicherseits zu den Hells Angels. Ich stand bis zu meinem 18. Lebensjahr unter ihrem Schutz. Wollte ich zum Beispiel, dass sie jemandem das Knie brachen, haben sie das einfach gemacht. Ich habe diese Macht geliebt, die ich durch die Hells Angels hatte.

Du hattest auch erzählt, dass du zuerst Tiere gequält hast. Mit 13 Jahren hast du damit aufgehört und dir dann Menschen als Ziel gesetzt.

Rachel: Ich habe viele schlimme Dinge getan, ohne dabei jegliche Art von Schuld zu empfinden. Schaut man sich mein Verhalten an, erkennt man, dass das klassische Symptome einer dissozialen Persönlichkeitsstörung sind. Eine weitere psychische Krankheit, mit der ich später diagnostiziert worden bin. Zu ihr gehört häufig auch Tierquälerei, die dann irgendwann in Gewalt gegenüber Menschen übergeht.

In der siebten Klasse habe ich mir eine Liste angelegt mit Namen aller Mitschüler, die ich umbringen wollte. Dazu gab es jeweils eine Beschreibung, wie ich das genau machen wollte. Ich bin auf eine sehr gefährliche Schule in den Vereinigten Staaten gegangen und wurde häufig vom Mitschülern bedroht. Auf dieser Schule konnte ich mir sicher sein: Die meinen es ernst mit ihrer Drohung.

Du hast dann tatsächlich versucht, zwei Mitschüler zu töten. Möchtest du davon erzählen?

Rachel: Meine beiden Mordversuche standen nicht auf meiner Liste. Die erste Person, die ich töten wollte, war mein damaliger Freund. Ich hatte keine Lust mehr auf ihn gehabt, wollte aber die Konfrontation verhindern, die mit dem Schluss machen einhergeht. Deshalb habe ich gedacht, dass es besser sei, wenn er einfach nicht mehr da wäre und habe ihn dann versucht zu vergiften. Dafür habe ich einfach alle Medikamente aus meiner Hausapotheke zusammengemischt und in seine Milchschokolade getan. Er ist nicht gestorben, musste deshalb aber ins Krankenhaus. Bis heute weiß er nicht, dass ich das war.

Den zweiten Vorfall kann ich selbst nicht wirklich erklären: Auf einer Geburtstagsfeier saß ich mit meinem damaligen Schwarm in meinem Zimmer auf meinem Bett. Wir haben einfach nur geredet. Alles war vollkommen in Ordnung und er hat nichts Falsches getan; hat mich immer gut behandelt. In diesem Moment hat er mich einfach nur angeschaut und dann ist etwas sehr Seltsames mit mir passiert: Eine eindringliche Stimme in meinem Kopf hat mir “befohlen”, ihn sofort zu töten. Ich nahm also ein Messer und habe ihn damit schreiend durch die Nachbarschaft gejagt. Meine beste Freundin hat mich dann unter Einsatz ihres Lebens zu Boden drücken können. Davon hat sie Narben an ihrem Körper behalten. Etwas später kam dann meine Mutter nach Hause und hat den Irrsinn beendet. Zu meinem Glück hat niemand die Polizei gerufen. In unserer Nachbarschaft hat man solche Dinge selbst geklärt.

Beide Vorfälle sind in der achten Klasse passiert. Der zweite Mordversuch hat mich in der Schule berühmt gemacht und dafür gesorgt, dass ich zweimal in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden bin.

Missbrauch: der Kampf danach  – ein Interview
Rachels beide Mordversuche misslingen – Gott sei Dank!

In der 9. Klasse hattest du Kontakt zu einer Klassenkameradin, die Prostituierte bei einem Essort-Service war. Sie wollte auch dir die „Möglichkeit“ geben, dich zu prostituieren. Du warst interessiert. Wieso kam trotzdem nie etwas zustande?

Rachel: Ich war bereits bei einem Escort-Service angemeldet. Und weil ich ja noch minderjährig war, hatte ich dafür meine Ausweise gefälscht. Ich habe auch schon bestimmte Sexpraktiken geübt, die man als Prostituierte braucht – ältere Männer haben beim Sex andere Ansprüche als Jungs in meinem damaligen Alter. Aber jedes Mal, wenn ich einen Termin mit einem Kunden ausgemacht hatte, ist etwas dazwischengekommen: Entweder bin ich oder der Freier krank geworden. Oder es stimmte etwas nicht mit dem Auto, was ich mir dafür extra ausleihen musste.

Irgendwann habe ich es dann einfach aufgegeben. Meiner damaligen Agentur habe ich damals erzählt, dass es bei mir im Moment nicht klappe; ich es aber noch mal versuchen wolle, wenn ich ein eigenes Auto habe. Aber dann wurde ich Christ und meine Pläne haben sich total geändert – na ja, zumindest nach etwa einem Jahr als Gläubige. Bis dahin hatte ich noch alle Dokumente, um als Prostituierte arbeiten zu können. Das war sozusagen mein Plan B, wenn sich das mit dem Christsein als falsch für mich herausgestellt hätte. Hat es dann aber nicht.

Wie bist du zum christlichen Glauben gekommen? Und welche Veränderungen konntest du in deinem Leben dann feststellen?

Rachel: In der 12. Klasse hat mich eine Freundin zu einem Universitäts-Gottesdienst eingeladen. Ich ging da wegen der älteren Jungs hin und bin auch ihretwegen, der wunderschönen Gospelmusik und den kostenlosen Keksen jede Woche wiedergekommen. Nach einigen Monaten habe ich gemerkt, dass ich das, was ich in den Liedern gesungen habe, eigentlich alles glaubte, jedoch nicht lebte. Ich hatte noch keine persönliche Beziehung zu Jesus Christus, wusste aber, dass sich das ändern musste. Also habe ich mich für ein Leben mit Gott entschieden.

Bei meiner Bekehrung hatte ich ein überwältigendes Gefühl von Leichtigkeit. Ansonsten nichts. Eigentlich hätte ich erwartet, dass der Heilige Geist mir ab sofort immer zeigen würde, was richtig und was falsch ist. Aber so war es bei mir nicht. Ich hatte auch weiterhin Sex und habe gestohlen, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Und weil das schlechte Gefühl dabei ausgeblieben ist, dachte ich, dass das wohl auch als Christ so in Ordnung sei – das war alles noch bevor meine dissoziale Persönlichkeitsstörung festgestellt worden ist.

Nach einer Bekehrung hatte ich ein überwältigendes Gefühl von Leichtigkeit. Ansonsten nichts.

Rachel über ihrem Glauben

Durch das Lesen der Bibel habe ich dann aber verstanden, dass Klauen beispielsweise nicht gut ist und habe dann damit aufgehört. Für mich war das sehr herausfordernd, weil die Kriminalität und Sex – auch vor der Kamera – einen so großen Platz in meinem bisherigen Leben hatten.

Nach deiner Heirat mit deinem Mann Dave habt ihr gemeinsam beschlossen, als Missionare nach Europa zu gehen. In der letzten Woche vor der Abreise gab es aber leider wieder einen Vorfall: Du wurdest von einem Arbeitskollegen attackiert und vergewaltigt. Was hat das mit dir, deinem Mann und euren Plänen gemacht?

Rachel: Es klingt jetzt etwas seltsam, aber eigentlich war der Zeitpunkt dieser Vergewaltigung gut. Also der Zeitpunkt, nicht die Vergewaltigung selbst. Ursprünglich wollten wir als Missionare, Menschen in Naturkatastrophengebieten in Europa helfen. Der Sitz unserer Missionsgesellschaft selbst ist in Süddeutschland. Wir hatten bereits unsere Arbeitsstellen gekündigt und auch schon den ersten Lohn von der Missionsgesellschaft bekommen.

Nach der Vergewaltigung hat uns die Missionsgesellschaft ein Jahr geschenkt, in dem wir uns als Familie einfach nur auf Heilung konzentrieren durften. Wir haben die ganze Zeit über Lohn bekommen und waren so finanziell versorgt. In diesem Jahr hat sich alles komplett verändert: Durch unsere Therapien – Dave mit seiner Töpferei und ich mit meinem Tanz und Gesang – hat Gott angefangen uns zu heilen und hat uns gezeigt, dass wir mit unserer Kunst, anderen Menschen unsere Geschichte weitererzählen können. Und das hat vielen geholfen, die Ähnliches erlebt haben.

Ab da wussten wir, dass wir genau das machen möchten: Menschen mit unserer Geschichte helfen. Die Nothilfe in Naturkatastrophengebieten ist sehr wertvoll, aber unsere Vision und Leidenschaft hat sich in diesem Jahr komplett verändert.


Rachel und ihr Ehemann Dave

Bist du nach all dem Missbrauch in deinem Leben heute in der Lage, mit deinem Mann ein normales Sexualleben zu führen?

Rachel: Was ist ein normales Sexleben? (Lacht.) Das definiert doch jeder anders. Die ersten acht Jahre unserer Ehe waren furchtbar, denn da lief fast gar nichts. Ich glaube aber schon, dass wir jetzt ein normales Sexualleben führen. Das bedeutet aber nicht, dass wir keine Probleme haben. Ich bekomme manchmal Flashbacks – das letzte Mal vor zwei Tagen. Und Dave bemerkt das sofort. Auch sind nicht alle meine sexuellen Abhängigkeiten weg, die ich aufgrund meines Missbrauchs entwickelt habe. Ich muss einfach ehrlich und offen zu Dave und meinem Therapeuten sein und weiter an mir arbeiten. Das ist das Wichtigste. Ein „Perfekt“ gibt es bei uns sowieso nicht.

Du sagst, du dienst Gott und deinen Mitmenschen durch Tanz und Gesang – erzähl uns mehr davon!

Rachel: Zusammen mit meinem Mann leite ich den Lobpreis in unserer Gemeinde. Durchs Singen komme ich Gott sehr nah. Das ist für mich immer ein sehr intimer Moment. Egal, wie schlecht es mir geht: Wenn ich singe, bin ich Gott so nah, dass ich das alles vergessen kann.

Wenn ich einen Tanz choreografiere, hat es immer etwas mit dem Kampf nach Freiheit zu tun – Freiheit von schlimmen Erfahrungen oder den Lügen, die wir über uns selbst glauben.

Rachel ist professionelle Tänzerin

Wie hat die Geburt deines ersten Kindes dein Leben verändert?

Rachel: Die Geburt meines ersten Kindes hat alles verändert! Vorher hatte ich immer eine so große Todessehnsucht. Ich wollte unbedingt sterben! Ich habe zum Beispiel für Krebs gebetet, bin absichtlich in gefährlichen Gegenden spazieren gegangen oder bin einfach so auf die Straße gelaufen, in der Hoffnung, dass mich vielleicht ein Auto überfährt. In der Schwangerschaft gab es dann aber einen Moment, in dem ich verstanden habe, dass wenn ich sterbe, auch mein Kind mit mir sterben wird. Diese Erkenntnis hat meine Todessehnsucht völlig verdrängt.

Ich wollte unbedingt sterben! Ich habe zum Beispiel für Krebs gebetet, bin absichtlich in gefährlichen Gegenden spazieren gegangen oder bin einfach so auf die Straße gelaufen, in der Hoffnung, dass mich vielleicht ein Auto überfährt.

Rachel über ihre Einstellung vor ihrem ersten Kind

Ich bete nun schon seit fast 13 Jahren nicht mehr für meinen Tod. Auch wenn ich jetzt schwierige Zeiten durchmache und keine Kraft mehr zum Leben habe, erinnere ich mich daran, dass meine Kinder eine Mutter brauchen.

Auch als Mutter einer jungen Tochter: Welchen Tipp würdest du Mädchen und Frauen geben, die Missbrauch erlebt haben?

Rachel: Es ist wichtig, jemandem davon zu erzählen. Das alleine durchzustehen, ist unfassbar schwer. Wenn du keinen Erwachsenen hast, dem du vertraust, dann wende dich an eine Freundin oder an einen Therapeuten. Es gibt auch Online-Support-Gruppen. Wenn du in eine Gemeinde gehst, dann kannst du dich dort an den Pastor wenden.

Und was ist mit der Polizei?

Rachel: Stimmt, die gibt es auch. (Lacht.) Aufgrund meiner Vergangenheit denke ich nie zuerst an die Polizei. Klar, der Täter muss aufgehalten werden, aber ich kenne fast niemanden, der nach einem Missbrauch zur Polizei gegangen ist. Die Scham ist einfach zu groß. Man muss sich dann ärztlichen Untersuchungen unterziehen lassen und der Polizei alles im Detail erzählen. Das ist dann so, als ob man das alles noch einmal durchmachen muss. Auch der ganze Rechtsprozess ist sehr demütigend und traumatisch für die Opfer. Die Ausnahme ist, wenn der Täter jemand vollkommen Fremdes ist. Dann zeigen die Frauen ihren Vergewaltiger meistens schon an. Aber leider findet der Missbrauch meistens durch jemanden statt, den das Opfer kennt. Einem Bekannten oder gar einem Verwandten.

Rachel, vielen Dank für dieses ergreifende Interview und beste Wünsche für dich und deine Familie!


Rachel (42), gebürtige Amerikanerin, seit 2007 in Deutschland, verheiratet mit Dave (45), Mutter dreier Kinder (13, 10 und 8). Sie tanzt, choreografiert und singt professionell und setzt sich leidenschaftlich für Frauen im Rotlichtmilieu ein.